Die Zukunft der Sozialen Arbeit: Selbstorganisation als Schlüssel zur Teilhabe
Die Soziale Arbeit steht an einem Wendepunkt. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und ihrer Verankerung im deutschen Teilhaberecht (SGB IX) hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen. Nicht mehr bürokratische Apparate oder standardisierte Lösungen stehen im Zentrum, sondern der Mensch selbst: seine Lebensrealität, seine Bedürfnisse, seine Möglichkeiten der Teilhabe. Diese Neuausrichtung fordert von den Organisationen der Sozialwirtschaft eine radikale Selbstüberprüfung – und stellt sie vor die Frage: Wie kann aus jahrzehntelang gewachsenen Strukturen, geprägt von Hierarchien und Kontrolle, ein System werden, das auf Vertrauen und Selbstbestimmung basiert?
Institutionen im Wandel: Von Kontrolle zu Vertrauen
Organisationen sind mehr als Verwaltungsstrukturen – sie sind gelebte Systeme aus Haltungen und Werten. Die Art, wie in ihnen entschieden, geführt und zusammengearbeitet wird, spiegelt tief verankerte Überzeugungen wider. Während die Sozialwirtschaft weiterhin von betriebswirtschaftlichen Prinzipien wie Effizienz und Kontrolle geprägt ist, fordern Sozialarbeiter:innen mehr Autonomie und Flexibilität in ihrem Berufsalltag. Doch allzu oft stehen sie in einem Spannungsverhältnis zwischen professionellem Anspruch und institutionellen Zwängen.
Ein System, das sich der Idee echter Teilhabe verschreibt, muss sich also nicht nur organisatorisch, sondern kulturell wandeln. Es reicht nicht aus, Abläufe anzupassen oder neue Leitlinien zu formulieren. Vielmehr bedarf es eines Umdenkens: weg von einer Top-Down-Steuerung hin zu einem Modell, das Selbstorganisation als Grundlage begreift.
Selbstorganisation: Ein Prinzip mit Zukunft
Die Theorie der Selbstorganisation liefert hierfür eine tragfähige Basis. Sie fußt auf einem Menschenbild, das den Einzelnen als handlungsfähig, lernbereit und verantwortlich begreift. In einer solchen Organisation entstehen Strukturen nicht durch externe Steuerung, sondern durch das Zusammenspiel der Beteiligten. Führung wird nicht mehr an formale Positionen gebunden, sondern orientiert sich an Kompetenz, Erfahrung und situativer Notwendigkeit. Entscheidungsprozesse verlaufen nicht hierarchisch von oben nach unten, sondern in einem dynamischen Austausch der Akteure in der Praxis.
Ein besonders vielversprechendes Modell ist die Kollegiale Führung. Statt Einzelpersonen mit Entscheidungsgewalt auszustatten, wird Verantwortung auf Führungskreise verteilt. Diese Kreise übernehmen Steuerungsaufgaben, treffen Entscheidungen gemeinsam und reduzieren Machtkonzentrationen. Ein solches Modell ersetzt starre Hierarchien durch flexible, anpassungsfähige Strukturen, die auf Teilhabe und gemeinsamer Verantwortung beruhen.
Herausforderungen und Widerstände
Doch der Weg in die Selbstorganisation ist nicht frei von Hürden. Viele Menschen sind es gewohnt, in hierarchischen Systemen zu agieren. Eigenverantwortung statt Anweisung kann als Überforderung empfunden werden. Organisationen wiederum stehen vor dem Dilemma, sich gegen ihre eigenen Routinen behaupten zu müssen. Führungskräfte verlieren klassische Entscheidungsbefugnisse und müssen sich stattdessen als Moderatoren und Begleiter verstehen. Diese Veränderungen erfordern Lernprozesse, neue Rollenverständnisse und eine Kultur des Vertrauens.
Die Entscheidung für die Zukunft
Die Frage ist nicht, ob sich die Soziale Arbeit diesem Wandel stellen will – sondern wie. Die Organisationen der Sozialwirtschaft können in alten Strukturen verharren und die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität weiter wachsen lassen. Oder sie können den Schritt wagen und ein System entwickeln, das tatsächlich den Werten entspricht, die sie vertreten wollen: Partizipation, Empowerment, Selbstbestimmung.
Der Weg zur Selbstorganisation ist herausfordernd. Er verlangt Reflexion, Mut und eine neue Definition von Führung. Doch die Chancen überwiegen: Eine Organisation, die Selbstorganisation lebt, wird nicht nur effektiver, sondern auch gerechter, menschlicher und zukunftsfähiger sein. Denn letztlich geht es um eine zentrale Frage: Wollen wir Strukturen, die Menschen befähigen – oder solche, die sie begrenzen?
Literatur
Geyer, C. (2021): Kollegiale Hierarchie in der Eingliederungshilfe. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik 2/2021, S. 204 – 225.
Geyer, C. (2024): Professionalität und Selbstorganisation. Dimensionen einer (losen) Kopplung in der Sozialwirtschaft, In: Neue Praxis 1/2024, 63-72.
Göbel, E. (1998): Theorie und Gestaltung der Selbstorganisation, Berlin.
March, J. (1990): Die Technologie der Torheit. In: Ders. (Hg.), Entscheidung und Organisation, Wiesbaden, S. 281-295.
Schermuly, C. (2019): New Work – Gute Arbeit gestalten. Psychologisches Empowerment von Mitarbeitern, 2. Auflage, Freiburg.
Schröder, C./Oestereich, B. (2023): Essenzen agiler Organisationsentwicklung, München.