Zelte und Zeltlager - Ein Traum von der Kirche der Zukunft
Kirchenbilder ist ein Buch- und Social-Media-Projekt der Akademie für Kirche und Diakonie, das Peter Burkowski und Dr. Lars Charbonnier als Herausgeber verantworten. Verschiedene Personen aus Kirche und Diakonie und aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft beschreiben ihre Bilder von der Kirche der Zukunft. Auch ich wurde eingeladen, mein Zukunftsbild zu entwerfen.
Die Vision ist zuerst auf der Webseite der Akademie für Kirche und Diakonie veröffentlicht worden.
Kirchenschlaf soll ja der gesündeste sein, heißt es. Und da der Herr den Seinen den Schlaf schenkt, können wir ausgeschlafen von einer Kirche der Zukunft träumen. Ein Traum, wenn das gelingt. Schließlich ist im Reich der Träume alles möglich. Sie dürfen radikal und disruptiv sein. In der Nacht wie am Tage. Tagträume schenken den Raum für eine realistische Utopie. Der Kirchen-Tagtraum führt mich hinaus aus der Box, in der ich Kirche erlebe, denke und mitgestalte. Herausgekommen ist ein luzider Traum im Licht der Morgendämmerung.
Ich träume von einer inklusiven Kirche. Einer Kirche, die niemanden ausschließt, weder aufgrund seiner Herkunft noch seiner Hautfarbe, sexuellen Orientierung und sozialen Stellung. Sie ist für alle da, die das wollen. Ob getauft oder nicht, ob reich oder arm – die Kirche ist ein Ort, an dem sich Menschen begegnen und an dem die Unterschiede eine Bereicherung sind.
Ich träume von einer ehrenamtlichen Kirche. Die Pastor:innen üben einen weltlichen Beruf aus und bringen sich mit anderen Gemeindemitgliedern in die Gemeinde ein. Jede:r engagiert sich mit Ideen, Fähigkeiten und Zeit, oder konsumiert die Angebote.
Ich träume von einer vielfältigen Kirche. Eine, die in der Region verschiedene Gottesdienstformate feiert, Orte kulturellen Lebens eröffnet, sozial-diakonisch tätig ist oder Kinder, Jugendliche und Familien begleitet. Sie ist ein Ort, an dem sich Menschen bilden und Gemeinschaft erfahren.
Ich träume von einer politischen Kirche. Sie betet für das Gemeinwohl und den Zusammenhalt vor Ort und hat den Mut, öffentlich einzutreten für Menschenrechte, Demokratie, Toleranz und Vielfalt. Man kann eben auch mit den Füßen beten, wie der Rabbi Joshua Heschel einmal formulierte.
Ich träume von einer vernetzten Kirche. Einer Kirche, die die unterschiedlichen Menschen, Frömmigkeitsstile, Angebote und Ausdrucksformen verbindet. Kirche ist ein Netzwerk aus persönlichen Beziehungen, das zugleich mit den relevanten gesellschaftlichen Akteuren kooperiert: Sportvereinen, Kulturvereinen, der Freiwilligen Feuerwehr, NGOs und den demokratischen Parteien.
Ich träume von einer sprachfähigen Kirche. Einer Kirche, die die Frohe Botschaft Jesu für die Menschen im 21. Jahrhundert verständlich macht. Und das in einer Sprache, die die Menschen anspricht: Jugendsprache, Leichte Sprache, Bildungssprache oder Alltagssprache.
Doch ein Traum von einer Zukunft der Kirche ist nicht nur eine Frage des Inhalts, sondern auch der Form. Wenn ich Kirche träume, dann träume ich ebenso die Organisation. Die Einsicht dahinter ist: Die Box, in der wir Kirche gestalten, ermöglicht eine inklusive, ehrenamtliche, vielfältige, politische, vernetzte und sprachfähige Kirche oder hindert sie daran, eine solche zu werden.
Meine Kirche der Zukunft ist frei von den Fesseln der Körperschaft des öffentlichen Rechts, der staatsanalogen Bürokratie, dem Beamtentum, der Kirchensteuer, den Gesetzen und Verordnungen, der eigenen Gerichtsbarkeit und der kirchenaufsichtlichen Genehmigung.
Der Traum von der Zukunft erzählt von einer Kirche, die wie ein Zeltlager organisiert ist. Jede Art von Gemeinde - lokal, regional oder personal - ist ein Zelt, das aufgeschlagen, abgebaut, umgesetzt und eingepackt werden kann. Jedes Zelt oder auch eine Gruppe von Zelten organisiert sich in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins, und gemeinsam bilden sie maximal sechzehn Zeltlager (Landeskirchen).
Die Landeskirchen der Zukunft sind die Dachverbände der Mitgliedsvereine (Gemeinden) und kommen ohne Zwischenebenen à la Kirchenkreise, Propsteien, Sprengel aus. Sie repräsentieren die Gemeinden überregional in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Und innerhalb des jeweiligen Zeltlagers wird die Landeskirche zur Dienstleisterin ihrer Mitglieder. Daneben kommt im Traum ein Bundesverband (EKD) vor, der bundespolitisch und gesamtgesellschaftlich die Stimme der evangelischen Kirche ist.
Das Vereinsrecht ist zwar bürgerliches und nicht kirchliches Recht, löst aber in meinem Traum keinen Bekenntnisfall aus. Stattdessen zeigt sich, wie demokratieorientiert das Vereinsrecht ist. Es gibt jedem Mitglied Sitz und Stimme in der Mitgliederversammlung und damit Entscheidungsgewalt über die Satzung, die Ausrichtung und die Führung des Vereins.
Die Zelte und Zeltlager finanzieren sich in diesem Traum durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Fördermittel. Und sofern es eine Rechtsgrundlage gibt, aus staatlichen Leistungen. Die hauptberuflich Mitarbeitenden sind entweder bei den Gemeinden oder den Dachverbänden privatrechtlich angestellt. Eine solche Kirche ist auf jeden Fall steinarm. Sie verzichtet auf Verwaltungspaläste, Pfarrhäuser, Tagungsstätten und Gemeindehäuser. Und wenn möglich auch auf so manches Kirchengebäude.
Es wäre traumhaft, wenn sich die Kirche der Zukunft heute auf den Weg machte, und mutig auf dieses unscharfe Bild zu ginge. Im Traum verschläft sie die Zukunft nicht – so gesund der Kirchenschlaf auch sein mag. Alles nur ein Traum? Warum nicht? In der Bibel sind Visionen Geschenke Gottes und kein Anlass zum Arzt zu gehen.